27.03.2026
Foto: dbn
Die Gerichtsmedizin in Österreich steht unter enormem Druck. Jahrzehntelange Einsparungen, fehlende Ausbildungsplätze und eine zunehmende Überalterung des Fachpersonals haben ein System an seine Grenzen gebracht. Die Folgen sind längst spürbar: Obduktionsgutachten dauern immer länger, in manchen Fällen kommt die kriminalistische Aufklärung sogar vollständig zum Erliegen.
„In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Gerichtsmedizin Schritt für Schritt demontiert“, warnt Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Institute und Ausbildung seien konsequent ausgehungert worden, wodurch Österreich sehenden Auges in einen existenziellen Mangel an Gerichtsmedizinerinnen und Gerichtsmedizinern geschlittert sei.
Wie dramatisch die Situation ist, zeigt sich an den langen Bearbeitungszeiten: In Wien dauert ein Obduktionsgutachten im Schnitt mehrere Monate, in Graz immerhin noch mehrere Wochen. Teilweise lastet die gesamte Arbeit eines Instituts auf einer einzigen Person. Fällt diese krankheits- oder urlaubsbedingt aus, kommt der Betrieb vollständig zum Stillstand.
Steinhart fordert daher eine deutliche Attraktivierung des Berufsbildes sowie eine langfristig gesicherte Finanzierung der Ausbildung. Interesse an der Gerichtsmedizin sei durchaus vorhanden, doch oft scheitere der Nachwuchs an mangelhaften Ausbildungsstrukturen und fehlenden Ressourcen.
Nachwuchs dringend gesucht
Auch Fachvertreter an den Universitäten schlagen Alarm. Mario Darok, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gerichtliche Medizin, verweist auf die massive Überalterung im Berufsstand. Österreichweit gibt es derzeit nur wenige Dutzend Fachärztinnen und Fachärzte für Gerichtsmedizin, das Durchschnittsalter liegt deutlich über 50 Jahren.
An den vier gerichtsmedizinischen Instituten in Graz, Innsbruck, Salzburg und Wien arbeiten insgesamt nur wenige spezialisierte Fachärzte, von denen rund die Hälfte innerhalb der nächsten zehn Jahre das Pensionsalter erreichen wird. Gleichzeitig steigt die Arbeitsbelastung stetig an: Durch den Ausbau von Gewaltambulanzen nimmt die Zahl der zu begutachtenden Fälle deutlich zu, insbesondere in den Ballungsräumen.
Blick ins Ausland
Als mögliches Vorbild wird Italien genannt. Dort existieren strukturierte Ausbildungsmodelle mit sogenannten Facharzt-Schulen, in denen zahlreiche Ärztinnen und Ärzte parallel ausgebildet werden. Auch eine bessere internationale Anerkennung der Facharztausbildung, zumindest im deutschsprachigen Raum, könnte den Personalmangel in Österreich lindern und den Wechsel qualifizierter Fachkräfte erleichtern.
Unverzichtbar für die Rechtssicherheit
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen wirbt Darok um mehr Anerkennung für sein Fachgebiet. Die Gerichtsmedizin bewege sich im Spannungsfeld von Medizin, Justiz und Kriminalistik und leiste einen unverzichtbaren Beitrag zur Rechtssicherheit. Nach vielen Jahren der Vernachlässigung müsse der begonnene Weg hin zu einer besseren personellen und finanziellen Ausstattung der Universitätsinstitute konsequent fortgesetzt werden.
Quelle: Österreichische Ärztekammer