Ausgabe 2026/08

14.08.2026

Kältetote als blinder Fleck: Wie selektiv ist Europas Klimapolitik?

Foto: dbn ki-generiert

Kältetote als blinder Fleck: Wie selektiv ist Europas Klimapolitik?

Während Politik und Öffentlichkeit vor allem über Hitzewellen sprechen, rückt der freiheitliche EU-Abgeordnete Gerald Hauser eine andere Zahl in den Vordergrund: Laut einer JRC-Studie sterben in Europa deutlich mehr Menschen an Kälte als an Hitze. Doch aus einer berechtigten Frage nach sozialer und gesundheitlicher Vorsorge wird bei Hauser zugleich ein politischer Angriff, der zentrale Zusammenhänge verkürzt.

Die Zahlen, auf die sich Hauser beruft, stammen aus einer 2024 veröffentlichten Untersuchung des Joint Research Centre der Europäischen Kommission und der Fachzeitschrift The Lancet Public Health. Demnach werden unter heutigen Klimabedingungen jährlich rund 363.809 Todesfälle in Europa mit Kälte und rund 43.729 mit Hitze in Verbindung gebracht. Das Verhältnis von Kälte- zu Hitzetoten liegt damit bei etwa 8,3 zu 1. Diese Zahlen sind eindrucksvoll — und sie zeigen tatsächlich, dass Kälte weiterhin ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellt.

Doch Hausers Schlussfolgerung, nicht Hitze, sondern Kälte sei das „dominierende“ Problem und werde politisch verschwiegen, greift zu kurz. Die Studie selbst warnt nämlich nicht nur vor heutigen Kältetoten, sondern auch vor einer deutlichen Zunahme hitzebedingter Todesfälle im Zuge der Erderwärmung. Unter derzeitigen Klimapolitiken könnten temperaturbedingte Todesfälle bis zum Ende des Jahrhunderts weiter steigen — vor allem, weil Hitzeereignisse häufiger, intensiver und für ältere Menschen gefährlicher werden.

Hauser trifft dennoch einen wunden Punkt: Wer über Klimaanpassung spricht, darf soziale Verwundbarkeit im Winter nicht ausblenden. Energiearmut, schlecht gedämmte Wohnungen, steigende Heizkosten und unsichere Versorgung können im Winter konkrete Gesundheitsrisiken schaffen — besonders für ältere Menschen, chronisch Kranke und Haushalte mit niedrigem Einkommen. Eine glaubwürdige Klimapolitik muss daher beides leisten: Schutz vor Hitze und Schutz vor Kälte.

Hausers angekündigte Anfrage an die EU-Kommission ist daher politisch nachvollziehbar, aber sie sollte präziser gestellt werden: Welche Strategien gibt es gegen Kältefolgen, Energiearmut und winterliche Gesundheitsrisiken? Wie werden vulnerable Gruppen geschützt? Und wie lassen sich Klimaschutz, Versorgungssicherheit und leistbare Energie miteinander verbinden? Wer diese Fragen ernst nimmt, muss nicht Hitze gegen Kälte ausspielen. Er muss anerkennen, dass beide Risiken real sind — und dass extreme Temperaturen vor allem jene treffen, die ohnehin wenig Schutz haben.

Fazit: Die hohe Zahl kältebedingter Todesfälle verdient mehr politische Aufmerksamkeit. Doch sie taugt nicht als Beweis gegen Klimaanpassung oder Hitzeschutz. Eine verantwortungsvolle Politik muss verhindern, dass Menschen im Sommer überhitzen — und im Winter frieren.

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