Ausgabe 2026/08

14.08.2026

Nachbarschaftshilfe darf kein Ersatz für soziale Verantwortung werden

Foto: dbn ki-generiert

Nachbarschaftshilfe darf kein Ersatz für soziale Verantwortung werden

Nachbarschaftshilfe gilt oft als leuchtendes Beispiel gelebter Solidarität. Wenn Menschen einander im Alltag unterstützen, Haustiere betreuen, kleine Reparaturen übernehmen oder älteren Nachbarinnen und Nachbarn zur Hand gehen, stärkt das zweifellos den sozialen Zusammenhalt. Eine aktuelle Umfrage von ImmoScout24, auf die Seniorenbundpräsidentin Ingrid Korosec verweist, zeigt: 39 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher engagieren sich bereits in irgendeiner Form in der Nachbarschaftshilfe.

Doch gerade diese Zahl sollte nicht nur Anlass zu Lob sein. Sie wirft auch Fragen auf: Warum sind so viele Menschen überhaupt auf informelle Hilfe angewiesen? Und wo endet freiwillige Unterstützung, wo beginnt das Versagen öffentlicher Strukturen? Wenn Nachbarschaftshilfe zunehmend Aufgaben übernimmt, die eigentlich durch Pflege, soziale Dienste oder kommunale Angebote abgesichert sein müssten, wird aus Solidarität schnell eine stille Notlösung.

Besonders auffällig ist, dass sich laut Umfrage die Altersgruppe der 50- bis 69-Jährigen überdurchschnittlich häufig engagiert. Korosec betont zu Recht, dass ältere Menschen eine wichtige Stütze für Familien, Vereine, Gemeinden und Nachbarschaften sind. Gleichzeitig darf ihr Einsatz nicht romantisiert werden. Wer selbst älter wird, familiäre Verpflichtungen hat oder gesundheitlich belastet ist, kann nicht dauerhaft als Lückenfüller eines überforderten Sozialsystems dienen.

Nachbarschaftshilfe schafft Begegnung und kann Einsamkeit lindern. Doch sie braucht Rahmenbedingungen: erreichbare soziale Dienste, leistbare Pflegeangebote, funktionierende Mobilität und Gemeinden, die freiwilliges Engagement unterstützen, ohne es auszunutzen. Solidarität im Wohnumfeld ist wertvoll — aber sie darf nicht zur Ausrede werden, notwendige politische und soziale Maßnahmen aufzuschieben.
Der Befund ist daher ambivalent: Ja, Nachbarschaftshilfe zeigt, wie stark der gesellschaftliche Zusammenhalt sein kann. Aber sie zeigt auch, wo Menschen bereits einspringen müssen, weil professionelle Unterstützung fehlt oder nicht rechtzeitig ankommt. Wer Nachbarschaftshilfe ernst nimmt, sollte sie nicht nur feiern, sondern auch dafür sorgen, dass sie freiwillig bleibt — und nicht zur Pflicht aus Mangel an Alternativen wird.

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