Ausgabe 2026/08

14.08.2026

Österreichs Spaltung wird zur politischen Kampfzone

Foto: dbn ki-generiert

Österreichs Spaltung wird zur politischen Kampfzone

Eine neue IMAS-Umfrage zeigt ein Land, das sich politisch zunehmend auseinanderdriften sieht. Die SPÖ versucht, daraus Kapital zu schlagen – doch ihre Antwort bleibt selbst Teil jener Zuspitzung, die sie kritisiert.
Zwei Drittel der Bevölkerung bezeichnen Österreich laut einer aktuellen IMAS-Erhebung als gespaltenes Land. Besonders sichtbar werden die Bruchlinien bei Zuwanderung, Sozialsystemen, Religion sowie beim Blick auf Politik und Regierung. Die Zahlen sind ein Warnsignal: Nicht nur einzelne Sachfragen polarisieren, sondern das Vertrauen in politische Orientierungskraft wirkt grundsätzlich erschüttert.

SPÖ-Bundesgeschäftsführer Klaus Seltenheim reagiert darauf mit dem bekannten Parteimotto „Ordnen statt Spalten“ und stellt die eigene Partei als Gegenmodell zur FPÖ dar. Diese wiederum wirft er mit scharfen Worten vor, von Feindbildern, Polarisierung und gesellschaftlicher Erregung zu leben. Politisch ist diese Attacke nachvollziehbar: Wer sich als Kraft des Zusammenhalts positionieren will, braucht einen klaren Gegenpol.

Doch genau hier beginnt das Problem. Eine Botschaft, die Zusammenhalt verspricht, verliert an Glaubwürdigkeit, wenn sie selbst vor allem in der Sprache des politischen Angriffs formuliert wird. Begriffe wie „Chaos-Kickl“, „blaue Truppe“ oder pauschale Schuldzuweisungen mögen im parteipolitischen Schlagabtausch mobilisieren. Sie tragen aber kaum dazu bei, jene Gräben zu schließen, über die die Umfrage Auskunft gibt.
Auch die Liste sozialdemokratischer Erfolge – von Mietpreisbremse über günstigeren Strom bis zu Gesundheits- und Arbeitsmarktmaßnahmen – beantwortet nur einen Teil der Diagnose. Materielle Entlastung kann gesellschaftliche Spannungen mildern, ersetzt aber keine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Ursachen politischer Entfremdung. Wenn 69 Prozent der Menschen Orientierung in Politik und Wirtschaft vermissen, reicht es nicht, vor allem die eigene Leistungsbilanz zu betonen.

Kritisch betrachtet zeigt die Debatte weniger einen Ausweg aus der Spaltung als vielmehr deren Mechanik: Parteien reagieren auf Polarisierung häufig mit noch schärferer Abgrenzung. Die FPÖ lebt politisch tatsächlich stark von Konfliktlinien, Protest und Zuspitzung. Die SPÖ wiederum läuft Gefahr, ihre Kritik daran in einem Ton vorzutragen, der selbst polarisierend wirkt.

Dabei wäre es zu einfach, die Verantwortung nur bei SPÖ und FPÖ zu suchen. Auch die ÖVP hat über Jahre mit harten Botschaften zu Migration, Sicherheit und Leistungspolitik jene Trennlinien mitgeprägt, die heute das politische Klima bestimmen. Die Grünen wiederum stehen für viele als moralische Gegenstimme, wirken aber in gesellschaftlichen Streitfragen oft so belehrend, dass sie Teile der Bevölkerung eher verlieren als einbinden. Und die NEOS präsentieren sich zwar gern als nüchterne Reformkraft, erreichen mit ihrem liberalen Vernunftanspruch aber häufig vor allem jene Milieus, die sich ohnehin politisch gut orientiert fühlen.

Die IMAS-Zahlen sollten daher nicht bloß als Munition im Parteienwettbewerb dienen. Sie verweisen auf eine tiefere demokratische Aufgabe: Politik muss nicht nur Gegner benennen, sondern Vertrauen zurückgewinnen, Komplexität erklären und Konflikte so austragen, dass am Ende mehr Verständnis entsteht. Das gilt für die SPÖ ebenso wie für ÖVP, Grüne, NEOS und FPÖ. Wer gesellschaftliche Spaltung beklagt, wird sich daran messen lassen müssen, ob die eigene Sprache tatsächlich ordnet – oder nur die nächste Frontlinie markiert.

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