Ausgabe 2026/08

14.08.2026

Teures Leitungswasser: Wenn selbst der Hahn zum Geschäftsmodell wird

Foto: dbn ki-generiert

Teures Leitungswasser: Wenn selbst der Hahn zum Geschäftsmodell wird

Leitungswasser gilt in Österreich vielerorts als Selbstverständlichkeit: sauber, verfügbar und vergleichsweise günstig. Doch in Wiener Restaurants und Kaffeehäusern wird selbst das Wasser aus der Leitung zunehmend zur Einnahmequelle. Ein aktueller Stichproben-Preismonitor der Arbeiterkammer zeigt: Nur drei von 30 geprüften Lokalen servieren Leitungswasser gratis. In 23 Betrieben wird dafür kassiert – selbst dann, wenn Gäste Speisen oder andere Getränke bestellen.

Die Zahlen wirken auf den ersten Blick klein, sagen aber viel über eine Entwicklung aus, die viele Verbraucher längst spüren: Aus Zusatzleistungen, die früher selbstverständlich waren, werden verrechenbare Posten. Für einen halben Liter Leitungswasser verlangen die geprüften Lokale zwischen 0,80 und 3,60 Euro. Ein Viertelliter kostet zwischen 0,40 und 1,80 Euro.

Besonders kritisch ist dabei nicht nur der Preis selbst, sondern die Uneinheitlichkeit. In manchen Lokalen ist ein Glas Wasser gratis, während für mit Leitungswasser aufgespritzte Limonaden bezahlt werden muss. In anderen Betrieben ist es genau umgekehrt: Das Aufspritzen einer Limo bleibt gratis, ein Glas Leitungswasser wird jedoch verrechnet. Für Gäste entsteht dadurch ein schwer durchschaubares Preisgefüge, das mit transparenter Gastronomie wenig zu tun hat.

Auch der Blick auf Limonaden zeigt, wie kreativ die Preisgestaltung geworden ist. Der Aufpreis für eine mit Leitungswasser auf 0,5 Liter aufgespritzte Apfel- oder Orangenlimonade beträgt je nach Lokal zwischen 0,30 und zwei Euro. 24 von 30 geprüften Betrieben verlangen dafür zusätzlich Geld.

Rechtlich ist die Sache zwar klar: Wenn der Preis in der Speisekarte ausgewiesen ist, darf Leitungswasser verrechnet werden. Doch die eigentliche Frage ist eine andere: Ist es angemessen, für ein Produkt, dessen Kosten im Verhältnis verschwindend gering sind, mehrere Euro zu verlangen – noch dazu von Gästen, die ohnehin konsumieren?

Die Arbeiterkammer verweist darauf, dass 1.000 Liter Leitungswasser lediglich 2,27 Euro kosten. Vor diesem Hintergrund erscheint ein Preis von bis zu 3,60 Euro für einen halben Liter schwer vermittelbar. Natürlich entstehen in der Gastronomie Kosten für Service, Gläser, Reinigung und Personal. Doch die Höhe mancher Wasserpreise lässt den Eindruck entstehen, dass nicht Kostendeckung, sondern zusätzliche Marge im Vordergrund steht.

Hinzu kommt: Die Preise steigen stärker, als viele Gäste erwarten würden. Im Vergleich zur AK-Erhebung aus dem Jahr 2014 verteuerte sich der Durchschnittspreis für 0,5 Liter Leitungswasser in Wiener Lokalen um 47,5 Prozent – von 1,39 Euro auf 2,05 Euro. Die Inflation lag im selben Zeitraum bei 44 Prozent. Damit bewegt sich selbst Leitungswasser im Sog allgemeiner Preissteigerungen, obwohl seine Grundkosten äußerst niedrig bleiben.

Gabriele Zgubic, Leiterin der AK-Abteilung Konsumentenpolitik, fordert daher, dass Leitungswasser kostenlos bleiben soll, wenn im Lokal gegessen oder andere Getränke bestellt werden. Diese Forderung trifft einen wunden Punkt: Gastronomie darf wirtschaftlich arbeiten, doch sie lebt auch von Gastfreundschaft. Wer selbst beim Leitungswasser das Maximum herausholen will, riskiert Vertrauen und Sympathie der Kundschaft.

Am Ende bleibt Leitungswasser damit mehr als nur eine Preisfrage. Es wird zum Symbol dafür, wie sehr sich der Besuch im Lokal verändert hat: vom entspannten Konsum zum Rechnen am Tisch. Dass Wasser aus der Leitung nicht grenzenlos verschenkt werden muss, ist nachvollziehbar. Dass es aber in manchen Fällen fast wie ein Luxusgetränk verrechnet wird, ist schwer zu rechtfertigen.

zurück