Ausgabe 2026/10

12.10.2026

Ardo schließt einziges großes TK-Gemüsewerk und lässt Bauern, Jobs und Versorgungssicherheit zurück

Foto: dbn KI generiert

Ardo schließt einziges großes TK-Gemüsewerk und lässt Bauern, Jobs und Versorgungssicherheit zurück

Was als „strukturelle Herausforderung“ verkauft wird, ist für die Betroffenen im Marchfeld ein klarer Kahlschlag. Der belgische Tiefkühlkonzern Ardo hält an der schrittweisen Schließung seines Werks in Groß-Enzersdorf fest und hat das Hilfsangebot von Bund und Land offiziell abgelehnt. Bis August 2027 soll das größte industrielle Tiefkühlgemüsewerk Österreichs auslaufen, die Anlagen entkernt und anderswo in Europa weitergenutzt werden. Übrig bleibt in Österreich vor allem der Vertrieb – und ein massiver Verlust an heimischer Wertschöpfung.

Rund 190 fest angestellte Mitarbeiter und etwa 50 Leiharbeitskräfte verlieren ihren Job. Ein Sozialplan soll her, doch das ändert nichts am Kern: Das Werk produziert nach Angaben der Landwirtschaftskammer mehr als 80 Prozent des österreichischen Tiefkühlgemüses – unter anderem für Iglo sowie die Eigenmarken von Billa, Spar und Hofer. Die Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse (ETG) mit rund 500 Mitgliedsbetrieben lieferte allein 2025 etwa 40.000 Tonnen Rohware im Wert von rund 18,5 Millionen Euro. Viele dieser Betriebe im „Gemüsegarten Österreichs“ haben ihre Produktion jahrelang auf den Abnehmer ausgerichtet. „Die Nachricht hat uns eiskalt erwischt“, sagte ETG-Obmann Robert Kriegl. Für etliche Familienbetriebe ist das existenzbedrohend.

Ardo begründet den Schritt mit einem „in die Jahre gekommenen“ Werk, das über 100 Millionen Euro (konkret genannt: 112 Millionen für den Weiterbetrieb, 66 Millionen bei Fokus auf Spinat) an Modernisierung bräuchte. Seit 2023 seien jährlich im Schnitt fünf Millionen Euro Verlust angefallen, trotz rund 50 Millionen Euro Investitionen seit der Übernahme 2008. Höhere Energie-, Arbeits- und Rohstoffkosten in Österreich sowie die geringere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Mittel- und Osteuropa machten den Standort für den relativ kleinen heimischen Markt unrentabel. Öffentliche Unterstützung könne daraus keine nachhaltige Lösung machen und berge rechtliche Risiken – man verfolge deshalb den Schließungskurs weiter.

Die österreichische Politik (unter anderem Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig und Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner) zeigte sich „verwundert“ und sprach von mangelnder Kompromissbereitschaft. Angebote zur Unterstützung, zur Anmietung für ein bis zwei Jahre oder zur Weitergabe an interessierte Investoren wurden abgelehnt. Aus politischen Kreisen war von einer „Kriegserklärung“ die Rede. Die klare Absicht aus Sicht der Kritiker: „Österreich raus, belgisches Gemüse rein.“ Ardo will die Maschinen abziehen und den Standort nicht als fortführbaren Betrieb verkaufen oder verpachten – jeder neue Eigentümer stünde vor denselben Problemen, heißt es aus dem Konzern.

Das ist mehr als eine Standortentscheidung. Es ist ein Schlag gegen regionale Lebensmittelproduktion und Versorgungssicherheit. Österreich ist bei Gemüse ohnehin nur teilweise selbstversorgend; der Wegfall des einzigen großen TK-Verarbeiters dieser Art verschärft die Abhängigkeit von Importen. Einzelne Handelsketten suchen Übergänge – Spar will einen Teil der Marchfelder Ware künftig bei Schneider’s Gemüseland verarbeiten lassen –, und Firmen wie efko haben Interesse signalisiert. Ein vollwertiger Ersatz in der nötigen Menge und Qualität ist kurzfristig jedoch nicht in Sicht. Die Bauern und der Betriebsrat stehen unter Druck, die Politik sucht Alternativen, und der Konzern optimiert seine europäischen Standorte.

Die Bilanz bleibt nüchtern: Ein belgischer Konzern nutzt die höheren österreichischen Kosten und den Investitionsstau, um sich von einem Standort zu trennen, der für die heimische Landwirtschaft und die Supermarktregale zentral ist. Ob das langfristig die billigere Lösung ist oder lediglich die kurzfristig bequemste für die Eigentümer, wird sich in den Tiefkühltruhen und auf den Feldern des Marchfelds zeigen. Die Betroffenen haben bereits jetzt das Nachsehen.

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